Über 100 Jahre lang wurden hier in Bahnhofsnähe Gäste bewirtet…

Während über Jahrhunderte nur eine Handvoll Gasthöfe in der Stadt vertreten waren, zu den ältesten gehörten in Eisenach z.B. der Goldene Löwe, der Rautenkranz oder der Halbe Mond, änderte sich dies vor allem ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung ließ die Städte rapide wachsen, der Güter- und Handelsverkehr nahm zu und mit der Anbindung an die Eisenbahn ab 1847 explodierten auch die Besucherzahlen in der Wartburgstadt.
So verwundert es nicht, dass in den folgenden Jahrzehnten Hotels und Pensionen wie Pilze aus dem Boden schossen. Dem ein oder anderen Eisenacher scheint schon die heutige Anzahl an Hotels in der Stadt enorm hoch, doch im frühen 20. Jahrhundert waren es noch einige mehr. Eines dieser Hotels, derer sich -verständlicherweise- besonders viele in der Nähe des Bahnhofes ansiedelten, war das Hotel Kronprinz.
Vor dem Eisenacher Nikolaitor hatte sich über Jahrhunderte eine verträumte Vorstadt gebildet, die sich vor allem durch schlichte, kleine Häuser entlang der östlichen Ausfallstraße Richtung Gotha und Langensalza auszeichnete. Seit dem Mittelalter floss mitten durch diese Nikolaivorstadt zudem der Hörselmühlgraben. Dieses Viertel mutete noch bis ins letzte Viertel des 19. Jahrhunderts gewissermaßen mittelalterlich an, ehe durch den Bau des Bahnhofs und des Wachstums der Stadt auch hier modernere Bebauung Einzug hielt. Am 1. Oktober 1878 eröffnete Heinrich Harseim unweit des Nikolaitors sein neuerrichtetes Hôtel Kronprinz. Dieses bestand zunächst nur aus dem östlichen Flügel entlang der Bahnhofstraße. Schon im Jahr 1882 wurde es aber durch einen Anbau des Architekten Wilhelm Creutzburg in Klinkerbauweise vergrößert, der sich bis zum vorbeifließenden Hörselmühlgraben (1908 zugeschüttet) erstreckte. Besonders markant an diesem Gebäude ist bis heute der dreiseitige Eckrisalit mit seinen drei Giebelchen.
Heinrich Harseim führte das Haus bis 1890, als es von Otto Menzel übernommen wurde. Dieser eröffnete schon 1892 die dem Kronprinzen zugehörige Dependance Waldhaus am Hang des Pflugensberges. Geworben wurde dort mit einer tollen Aussicht, die angesichts der ihm damals zu Füßen liegenden Farbenfabrik allerdings nicht sonderlich aufregend gewesen sein dürfte. Bis 1894 blieb Menzel Betreiber des Kronprinzen, ehe er sich allein auf das nun eigenständige Hotel Waldhaus konzentrierte. Dabei ein kleiner Fakt am Rande: Eine Nachkommin Otto Menzels war die 1930 in Eisenach geborene Isolde Schmitt-Menzel, die Erfinderin der Maus, die seit 1971 im Fernsehen Kindern die Welt erklärt. Sie starb 2022 im Alter von 92 Jahren.
Das Hotel Kronprinz blieb in den folgenden Jahrzehnten in Betrieb und wechselte einige Male den Betreiber, ehe es 1950 schließlich in Bahnhofshotel umbenannt wurde. Bei dieser Gelegenheit erhielt seine Fassade auch den heutigen weißen Anstrich, durch den sich aber an einem Balkon zur Bahnhofstraße bis heute der alte Namenszug „Hôtel Kronprinz“ abzeichnet.
In seinem Erdgeschoss befand sich zudem jahrelang ein Intershop, an den einige Eisenacher und Eisenacherinnen noch heute erinnern werden. Bis in die 1980er Jahre wurden unter dem Namen Bahnhofshotel Gäste empfangen.
Nach der deutschen Wiedervereinigung fand im Gebäude kein Hotelbetrieb mehr statt. Die Räumlichkeiten wurden nun auf andere Weise genutzt. In einem Teil des Gebäudes fand der TÜV Thüringen neue Räumlichkeiten, im Erdgeschoss des Ostflügels findet sich heute eine Kampfsportschule und durch den einstigen Eingang zum Restaurant Kronprinz erreicht man stattdessen nun eine Apotheke. Nachdem das ehemalige Hotel seit dem Abriss der Farbenfabrik Arzberger, Schöpff & Co. Mitte der 1960er Jahren freistehend war, grenzt es seit 2020 an das in direkter Nachbarschaft errichtete Fachmarktzentrum Tor zur Stadt.
An die Tradition als Hotel anschließend, befindet sich im Obergeschoss des Klinkerbaus seit einiger Zeit eine komfortable Gästewohnung, die dort von Nachkommen der früheren Leitung des Bahnhofshotels eingerichtet wurde. Mit dem passenden Namen Appartement Kronprinz knüpft man dort an die Geschichte des Gebäudes an.
Bilder:
Früher:
Sammlung Alexander Lambrecht
Ansichtskarte
1929
Heute:
Alexander Lambrecht
Fotografie
14. Juni 2024