Gothaer Straße

Wo die Stadt einst zuende war…

Wie in vielen anderen Orten auch, sind in Eisenach die großen Ausfallstraßen oft nach den Städten benannt, in deren Richtung sie führen oder einst führten. Teilweise haben diese Straßen sogar einen jahrhundertealten Verlauf. So gibt es in Eisenach die Frankfurter, die Kasseler, die Mühlhäuser, die Langensalzaer oder auch die Gothaer Straße.

Letztere zieht sich heute von der Hörselbrücke nahe des Güterbahnhofs über etwa 1,5km bis zum Rothenhof im äußersten Osten der Eisenacher Kernstadt und folgt dabei dem historischen Verlauf der mittelalterlichen via regia, die einst West- und Osteuropa miteinander verband und zu den wichtigsten Straßen des Kontinents zählte.

Ihren festen, amtlichen Namen erhielt die Gothaer Straße erst 1877 als durch das Wachstum der Stadt auch in diesem abgelegenen, ländlich geprägten Teil die Bebauung einsetzte und man die Straße zur gepflasterten Allee ausbaute. Man muss dabei beachten, dass das früher eigenständige Dorf Fischbach erst am 1. Oktober 1922 nach Eisenach eingemeindet wurde. Das auf den Bildern dargestellte Doppelhaus Gothaer Straße 26/28 lag also in seinen ersten Jahren am äußersten Stadtrand.

Die rechte Haushälfte (Hausnummer 26) wurde im Jahr 1893 als einfaches Wohnhaus errichtet, während das linke Gebäude (Nummer 28) erst 1898 angebaut wurde. Den Auftrag zum Bau dieser Bäckerei erteilte Christian Simon, der als Bürstenmacher in der Alexanderstraße 17 lebte, dem Architekten Wilhelm Creutzburg, der in Eisenach zahlreiche weitere Bauwerke hinterließ. Christian Simon errichtete diese Bäckerei wahrscheinlich für Paul Simon, der entweder sein Sohn oder Bruder war (der Tod der beiden lag nur etwa zehn Jahre auseinander).

Die Bäckerei von Paul Simon, wie es auch auf dem Gebäude zu lesen war, wurde noch 1898 in der Gothaer Straße 12 eröffnet – die damalige Hausnummer. Möglicherweise entstand aus diesem Anlass auch das Foto, das ansonsten schwer zu datieren ist.
Im Jahr 1950 taucht die Bäckerei Simon noch immer unter dieser Adresse im Eisenacher Adressbuch auf, wurde da aber schon von Pauls Sohn Georg Simon geführt, ebenfalls Bäckermeister. Paul Simon tauchte letztmalig im Adressbuch 1943 auf, hat seine Bäckerei also mindestens 45 Jahre betrieben und ist dann in den Jahren bis 1950 verstorben. Etwa zehn Jahre zuvor, zwischen 1934 und 1937, muss auch sein Vater oder Bruder Christian Simon verstorben sein, der bis dahin ebenfalls noch immer als Bürstenmacher in der Alexanderstraße lebte.

Im Laufe der Zeit wurde das kleine Bäckereigebäude aufgestockt und irgendwann verschwand auch das Lokal der einstigen Bäckerei aus seinem Erdgeschoss. Heute erinnert nichts mehr an die frühere Existenz eines Geschäfts in diesem Haus – heute ist es Sitz einer Wäscherei. Die Gothaer Straße aber ist auch nach über 100 Jahren noch die vergleichsweise dünn bebaute, beinahe dörflich anmutende Straße ganz im Osten der Stadt.

 

Bilder:

Früher:
Sammlung Alexander Lambrecht
Fotografie
um 1900 (1898?)

Heute:
Alexander Lambrecht
Fotografie
15. Juni 2025