Goethestraße

Wo man inmitten von Villen den Dichterfürsten ehrt…

In ganz Deutschland und auch darüber hinaus sind Straßen nach Johann Wolfgang von Goethe benannt. Der Dichterfürst wurde als Universalgenie schon zu Lebzeiten zur Legende. Er war vor allem zwar für seine Dichtkunst bekannt, beschäftigte sich aber auch intensiv mit Philosophie, Theologie, Geologie und auch verschiedenen Naturwissenschaften. Kein Wunder also, dass er bis heute weltweit Ehrung erfährt.

Eisenach zählt allerdings zu den Städten, die besonderen Grund für eine eigene Goethestraße haben. Schließlich war Goethe am 11. Juni 1776 von Herzog Carl August in sein Geheimes Consilium berufen worden – dem höchsten politischen Gremium des Doppelherzogtums Sachsen-Weimar und Eisenach.

Eisenach war zu dieser Zeit de facto noch immer Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Eisenach, das aber seit 1741 von den Weimarer Herzögen mitregiert wurde. So gab es in Eisenach immer noch eine eigenständige Regierung, eigene Behörden, Kammern und Landstände. Da das Geheime Consilium direkt dem Herzog unterstand, war es für beide Herzogtümer zuständig und Goethe musste als Teil desselben am Ausschuss ebenjener Eisenacher Landstände teilnehmen, weswegen er am 8. September 1777 in der Stadt eintraf.

Goethe wohnte dabei anfangs im Stadtschloss, zog aber am 13. September nach oben auf die Wartburg, wo er ein Zimmer im Ritterhaus bewohnte. Von der Burg und der ihr zu Füßen liegenden Umgebung war Goethe sehr begeistert, fertigte sowohl mehrere Zeichnungen der Wartburg an, aber zum Beispiel auch von markanten Landmarken wie Mönch und Nonne. Er war es auch, der erstmals den Gedanken äußerte, die verfallene Wartburg wiederherzurichten und museal zu nutzen. Politisch setzte er sich im Eisenacher Land vor allem für die Verbesserung der Lebenssituation der einfachen Leute ein und wohnte während seiner zahlreichen Besuche in Eisenach oft im Bechtolsheimschen Palais am Jakobsplan, wo seine gute Freundin Julie von Bechtolsheim lebte. Heute hat in diesem Gebäude die Städtische Wohnungsgesellschaft ihren Sitz.

Trotz aller Bekanntheit und Verdienste des 1832 verstorbenen Johann Wolfgang von Goethe, gab es in Eisenach nie ein Denkmal zu Ehren des Dichterfürsten und erst 1901 wurde eine Straße am Wartenberg nach ihm benannt. Man erkannte jedoch früh, dass eine so abgelegene Straße ihrem Namensgeber nicht gerecht werden kann und so erhielt die „alte“ Goethestraße 1912 den Namen In der Grafschaft.

Den Namen Goethestraße erhielt stattdessen die bisherige Theaterstraße, die man 1877 nördlich der Altstadt angelegt hatte. Diese entstand anstelle eines einfachen Wirtschaftsweges, der schon lange zuvor von der Burg Klemme aus am ehemaligen Stadtgraben vor der Stadtmauer entlang führte und die dortigen Gärten und Mühlen erschloss. Nachdem anstelle der Burg Klemme das Theater errichtet, die Mauer abgerissen und der Stadtgraben verfüllt worden war, baute man den Weg zur boulevardartigen Theaterstraße aus, die nun nach und nach von zahlreichen Villen gesäumt wurde.

Ursprünglich begann die „neue“ Goethestraße an der Bahnhofstraße. Sie durchquerte dann Klein Venedig (dessen Häuser offiziell jedoch zur Bahnhofstraße zählten), kreuzte zuerst die Schiller-, dann die Sommer- und letztlich die Clemdastraße. Die Straße endete am Schulplatz, der später in Rathenauplatz umbenannt und in den 1970er Jahren durch Plattenbauten überbaut wurde. Heute endet die Goethestraße dort als Sackgasse. Einst konnte man allerdings nach Süden zum Jakobsplan bzw. nach Norden über eine Brücke zur Werneburgstraße abbiegen. Auch die Durchfahrt zur Bahnhofstraße existiert nicht mehr. Seit das Viertel Klein Venedig Ende der 1960er abgerissen und die Lücke in der Bahnhofstraße mit dem heutigen Gebäude geschlossen wurde, endet die Goethestraße an der Schillerstraße.

Auf dem Foto ist die Kreuzung der Goethestraße (mittig) mit der Nikolai- (links) bzw. Sommerstraße (rechts) zu sehen. Der Blick nach Westen zeigt die durchgehende Villenbebauung der Straße, die sich im Wesentlichen bis heute erhalten hat. Lediglich eine Villa in unmittelbarer Nachbarschaft zum Theater wurde nach Kriegsschäden abgerissen und durch den heutigen Parkplatz ersetzt und anstelle des früheren Konzerthauses Clemda wurden in den 1950er Jahren die heutigen Theaterwerkstätten errichtet.

Auch das Eckgebäude Goethestraße 39 (rechts im Bild) erhielt im Krieg einen schweren Treffer, wodurch ein ganzer Gebäudeteil verloren ging. Erkennbar ist das noch heute, da sich an dieser Stelle heute ein moderner Anbau befindet. Zu diesem Gebäude sei noch erwähnt, dass es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein kleines, privates Museum zu Ehren Friedrich Fröbels beherbergte – dem Erfinder des Kindergartens.

 

Bilder:

Früher:
Sammlung Alexander Lambrecht
Ansichtskarte
gelaufen 1934

Heute:
Alexander Lambrecht
Fotografie
29. Januar 2023