Als der Reichskanzler noch im Stadtpark stand…

Am Abzweig der Dr.-Moritz-Mitzenheim-Straße von der Wartburgallee findet man eine kleine Treppenanlage als Hauptzugang des Eisenacher Stadtparks, die sich derzeit in einem ähnlich trostlosen Zustand befindet wie der Park selbst.
Am Ort dieser Terrasse befand sich jedoch einst keine Treppenanlage, sondern ein kleines Rondell mit Sitzbänken, die ein zentrales Standbild Otto von Bismarcks flankierten.
Als schon zu Lebzeiten verehrter Politiker, war Otto von Bismarck (1815-1898) im Jahr 1871 erster Reichskanzler des neugegründeten deutschen Kaiserreichs geworden, verlor diese Position jedoch im Jahr 1890 nach Unstimmigkeiten mit dem jungen Kaiser Wilhelm II.
Nach seinem Rücktritt nahm die deutschlandweite Bismarck-Verehrung Fahrt auf, weswegen Bismarck u.a. zum Ehrenbürger unzähliger Städte ernannt wurde – in Eisenach erhielt er diese Würde im Jahr 1895 verliehen.
Zwar wurden auch schon zu Lebzeiten Bismarcks ihm zu Ehren Türme und Denkmäler errichtet, doch erreichte dieser Personenkult erst nach seinem Tod im Jahr 1898 seinen Höhepunkt. Über einen Zeitraum von knapp 25 Jahren entstanden so weltweit hunderte sog. Bismarcktürme oder Bismarcksäulen – ungeachtet der unzähligen kleineren Denkmäler zu Ehren des Eisernen Kanzlers. So wurde auch auf dem Eisenacher Wartenberg 1902 ein Bismarckturm eingeweiht, der jedoch im Zweiten Weltkrieg beschädigt und 1963 gesprengt wurde.
Nur ein Jahr nach der Einweihung des Bismarckturms wurde 1903 am nordwestlichen Rand des heutigen Stadtparks ein Standbild aus Bronze zu Ehren Bismarcks eingeweiht. Geschaffen wurde es durch den Bildhauer Adolf von Donndorf (1835-1916), aus dessen Werkstatt schon 1884 das Bachdenkmal bzw. 1895 das Lutherdenkmal stammten und der deshalb 1895 ebenfalls zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde. Es zeigte Bismarck stehend in Uniform, mit preußischer Pickelhaube und einem Schwert in der linken Hand.
Die Einweihung des Denkmals markierte gleichzeitig den Abschluss der Einbauten von Gestaltungselementen in den umgebenden Park am Pflugensberg. Er hatte zu dieser Zeit seine größte Ausdehnung erreicht und begann ab 1909 wieder zu schrumpfen, als man Flächen entlang der Johann-Sebastian-Bach-Straße zur Bebauung freigab.
Nach dem Ersten Weltkrieg verlor der Adel und mit ihm auch die Familie von Eichel-Streiber an Bedeutung und Vermögen. Ihr gehörte bis dahin der gesamte Park sowie die zentral darin gelegene Villa Pflugensberg. Um die immensen Unterhaltskosten zu sparen, wurde das gesamte Areal 1921 an die Stadt Eisenach verkauft, die wiederum 1927 die mittlerweile als Landeskirchenamt genutzte Villa samt etwa 1,6 Hektar des Parkgeländes an die Evangelische Kirche verkaufte. Der Rest verblieb als Stadtpark in städtischer Hand und erfuhr schon einige Jahre später nicht mehr die Pflege, die zum kompletten Erhalt der aufwändig gestalteten Parkanlage notwendig gewesen wäre.
Unter der nationalsozialistischen Herrschaft begann man insgeheim schon vor dem Krieg mit dem Sammeln von Metallen für die Rüstungsproduktion. So wurden z.B. unter dem Vorwand der Stolpergefahr in Eisenach schon 1938 alle kleineren Schmuckzäune in Parkanlagen und um Denkmäler (wie dem Lutherdenkmal) herum entfernt und abtransportiert. Im Laufe des Krieges nahm die sog. Reichsmetallspende noch größere Formen an, als im ganzen Land Denkmäler demontiert und Kirchen ihrer Glocken beraubt wurden. So verlor Eisenach im Jahr 1942 nicht nur die meisten Glocken der Georgenkirche, sondern auch das Kriegerehrenmal, das einst auf der Esplanade stand, und eben auch das Bismarck-Denkmal am Stadtpark.
Das Rondell mit dem verwaisten Sockel verblieb noch knapp zwanzig Jahre unverändert bestehen. In Vorbereitung für den Bau der heutigen Terrasse als neuen Hauptzugang des Stadtparks wurde es jedoch am 15. Februar 1963 restlos abgebrochen. Der Verfall des Stadtparks hatte da aber schon längst begonnen. Bereits 1953 konstatierte ein Zeitzeuge:
„[…] Der Park im allgemeinen hat seine Schönheit verloren. Er gehört jetzt der Stadt und steht der Öffentlichkeit zur Verfügung. Wie bei allen öffentlichen Grundstücken werden auch hier die Warnungstafeln, die die Anlagen dem Schutze des Publikums empfehlen, bedauerlicherweise von der heutigen Generation grundsätzlich nicht beachtet. Die Namensschilder an den wertvollen ausländischen Bäumen sind längst verschwunden. Der Rasen wird zertreten. Die Plätze und die Bänke sehen wüst aus. Die Wege können aus Mangel an den nötigen Arbeitern […] nicht recht instand gehalten werden. Eine kleine, schöne Naturbrücke ist verfault und zerfallen. Der eiserne Zaun an der Straße ist zur Schrottsammlung gekommen, wie auch das schöne Bismarckdenkmal am Eingang des Parks […] seiner Zeit dem Bronzebedarf der Rüstungsindustrie zum Opfer gefallen ist. […]“
Viele der beschriebenen Probleme, seien es Verfall, Vandalismus oder unzureichende Pflege, klingen noch heute – über 70 Jahre später – sehr vertraut. Doch kündigte der amtierende Oberbürgermeister Christoph Ihling Ende 2024 für die Zukunft die Rekonstruktion historischer Strukturen, den Erhalt der Gesamtanlage sowie nachhaltige Nutzungskonzepte für den Stadtpark an. Zu wünschen wäre es dieser bedeutenden Parkanlage allemal.
Bilder:
Früher:
Sammlung Alexander Lambrecht
Ansichtskarte
ca. 1905
Heute:
Alexander Lambrecht
Fotografie
20. Juli 2025