Von umtriebigen Geschäftsmännern…

In einem anderen Vergleich wird die Gothaer Straße im Osten der Stadt behandelt. An
ihrem Anfang entstand 1875 mit der Hausnummer 1 der Lindenhof, der 2008
nach langem Verfall abgerissen wurde. Erbauer und erster Betreiber der Restauration
Lindenhof war Christian Oswald Bierschenk, der dort nicht nur lebte, sondern
auch eine Mehlhandlung betrieb. Diese Handlung für Mehl und Mühlenprodukte
schien er auch mit Erfolg betrieben zu haben, denn er konnte es sich leisten,
1888 in der Bahnhofstraße 1 ein stattliches Gebäude errichten zu lassen,
nachdem die vorherige Bebauung einer weiteren Durchfahrt durchs Nikolaitor
weichen musste. Bei diesem Gebäude handelt es sich um die heute noch vorhandene
Bahnhofstraße 1.
Im neuen Haus eröffnete der gelernte Bäcker ein Geschäftslokal seiner
Mehlhandlung und zog bald darauf auch selbst in das Haus ein. Die Mehlhandlung
betrieb er ab 1898 gemeinsam mit seinem Sohn Otto, denn selbst war er ein
äußerst umtriebiger Geschäftsmann. Nicht nur war er Hauptkonsul des Thüringer
Konsulats der Allgemeinen Radfahrer-Union, deren Generalversammlung er
1898 im Gasthaus Erholung eröffnete, sondern tritt zwischen 1902 und
1908 auch als Direktor der Terrain- und Baugesellschaft in Erscheinung,
deren Mitglied er aber vorher schon war. Diese Gesellschaft war die treibende
Kraft hinter der Entwicklung der Eisenacher Villenkolonien Marienhöhe und
Karthäuserhöhe. So kam es auch, dass Oswald Bierschenk ab 1902 auch als erster
Betreiber des neueröffneten Hotels Fürstenhof tätig wurde.
Ein weiterer Sohn, Kaspar August Bierschenk, wurde am 12.
August 1869 geboren, war ebenfalls Kaufmann und hatte sich zunächst in der
Katharinenstraße 80 niedergelassen, ehe er ab 1896 ebenfalls in die
Bahnhofstraße 1 übersiedelte. Sein Geschäft betrieb er dort aber noch bis ca.
1907. Zu dieser Zeit wurde nämlich die die offene Handelsgesellschaft Oswald
Bierschenk & Söhne gegründet, als deren Inhaber nun die Brüder August
und Otto gemeinsam auftraten, während Otto Inhaber des ursprünglichen
Mehlhandels blieb. Im Jahr 1919 verstarb ihr Vater Oswald.
Das genaue Tätigkeitsfeld dieser neuen Handelsgesellschaft
lässt sich schwer bestimmen, da August Bierschenk ebenfalls ein vielseitiger
Geschäftsmann war. Nicht nur war er Vertreter für Lebensversicherungen bei der
Alten Leipziger, sondern auch für Feuer- und Spiegelglasversicherungen. Zudem
war er Vorsitzender des Radfahrervereins und verkaufte passenderweise auch
Fahrräder bzw. Fahrradzubehör.
Seit 1917 taucht er in den Eisenacher Adressbüchern außerdem
als Händler für Automobile und Automobilzubehör auf. Als solcher präsentiert er
sich auf einem Foto, vermutlich aus den 1920er Jahren, vor seinem Geschäft in
der Bahnhofstraße 1. Das Foto wurde freundlicherweise von Bernd Bierschenk, einem Nachfahren der Familie, bereitgestellt.
Nachdem auch August Bierschenk 1935 im Alter von 66 Jahren verstarb, wurde das
Geschäft noch für wenige Jahre von seinem Sohn Rudolf Bierschenk weitergeführt,
war aber 1950 bereits geschlossen. Otto Bierschenk lebte zu diesem Zeitpunkt
bereits in der Emilienstraße 2 und betrieb von dort aus immer noch die
väterliche Mühlenwarenhandlung.
Das Erdgeschoss der Bahnhofstraße 1 bestand ursprünglich aus
mehreren kleinen Geschäften, darunter u.a. (zu verschiedenen Zeiten) eine Bank,
ein Schokoladengeschäft, ein Goldwarengeschäft, eine Drogerie oder eine
Eisdiele. Zu DDR-Zeiten fasste man diese kleinen Lokale bei einem Umbau
zusammen und eröffnete darin einen HO-Selbstbedienungsmarkt, den viele ältere
Eisenacher und Eisenacherinnen noch kennen. Nach der Wiedervereinigung
zog die Supermarktkette REWE in die Räumlichkeiten ein, jedoch nur für kurze Zeit.
Heute findet sich in den ehemaligen Räumlichkeiten des Bierschenkschen
Automobilgeschäfts passenderweise eine Niederlassung des ADAC.
Bilder:
Früher:
Sammlung Bernd Bierschenk
Fotografie
1920er Jahre
Heute:
Alexander Lambrecht
Fotografie
17. Oktober 2021